Latifa Echakhch & David Maljkovic

Morgenlied

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Die Kunsthalle Basel freut sich, die Ausstellung Morgenlied von Latifa Echakhch und David Maljković zu präsentieren. Die Ausstellung ist das Resultat eines gemeinsamen, obgleich unterschiedlich motivierten und artikulierten Interesses an modernistischer Formensprache und den Ideologien, die diese unterstützten.

Für ihre Ausstellung in der Kunsthalle Basel haben Latifa Echakhch und David Maljković den Titel eines Gedichts von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1773 gewählt. Der Architekt Jakob Stehlin verwendete die ersten Zeilen des Gedichts Künstlers Morgenlied als Motto für seinen Wettbewerbsentwurf zur Errichtung der Kunsthalle, den er im Jahr 1868 einreichte. Die Anfangszeilen des Gedichts lauten: „Der Tempel ist euch aufgebaut/Ihr hohen Musen all“ und beschreiben, welche Rolle die Kunsthalle in Zukunft einnehmen sollte – die eines Tempels für die Schönen Künste. Die Architektur des Oberlichtsaals mit seinen neoklassischen Details und dem monumentalen Oberlicht ist typisch für die Architektur des 19. Jahrhunderts und kann als Verkörperung der Ideale der Aufklärung gesehen werden. Die Architektur der Kunsthalle Basel in Betracht ziehend haben Latifa Echakhch und David Maljković Arbeiten geschaffen, die auf den historischen Ort eingehen und seinen Ausdruck radikal verändern.

Latifa Echakhch, die 1974 in El Khansa, Marokko, geboren wurde heute in Martigny in der Schweiz lebt, arbeitet vorwiegend mit ortsbezogenen Installationen, Video, skulpturalen Objekten und performativen Interventionen. Ihre Arbeiten untersuchen Phänomene kulturellen Transfers und den damit einhergehenden Verlust oder die Neuentstehung von Identität. Echakhch verwendet kulturell stereotypisierte Objekte, die in Zusammenhang mit bestimmten Kontexten ihrer Nutzung und Produktion stehen wie beispielsweise Fahnenstangen, marokkanische Teegläser, Teppiche und Materialien wie Couscous, Tusche und Lehmziegel und verändert die Konnotationen, mit denen diese behaftet sind. Im Spannungsfeld zwischen Fremdheit und Vertrautheit werden die Objekte und Materialien in Echakhch‘ Installationen und Skulpturen in unerwartete, neue Kontexte gesetzt und nehmen neue Bedeutungen an.

In ihrer Installation in der Kunsthalle Basel rückt ein weitere, wiederkehrende Thematik in Echakhch‘ künstlerischer Arbeit in den Vordergrund: die Behandlung von Fläche. Im Zentrum von Echakhch‘ installativer Arbeit in der Kunsthalle Basel steht ein monumentales Gemälde, ausgeführt in schwarzer Tinte auf dem Oberlicht des Ausstellungsraums. Die schwarzen Tintentropfen auf dem Glas bewirken ein Spiel von Licht und Schatten, das den gesamten Raum füllt. Das Gemälde bedeckt eine Fläche von über 80 Quadratmetern, verteilt auf den 96 Feldern des Oberlichts. Eingerahmt durch das bestehende Rahmenwerk, zollt es der historischen Architektur Respekt und steht in Dialog mit seiner Umgebung. Auf der anderen Seite ist es als zeitgenössischer Eingriff klar erkennbar. Das Hauptmerkmal des historischen Raums, das Oberlicht, wird abermals in seiner erhabenen Grösse betont, aber gleichzeitig wird es vorgeführt und seiner eigentlichen Funktion entledigt, den Raum hell und gleichmässig zu beleuchten. Mit seiner imposanten Höhe und dem Boden aus Eichenparkett, war der Oberlichtsaal 1869 gebaut worden, um eine sogenannte „Petersburger Hängung“ von Gemälden zu gewährleisten. Er kann so als einer der letzten Ausläufer der Ära der bürgerlichen Kunst des 19. Jahrhunderts gesehen werden, die mit Akademien und Salonausstellungen assoziiert wird. Seit der Ankunft des neutraleren „White Cube“ als typischem Ausstellungsdesign des 20. Jahrhunderts, erscheint der tempelartig wirkende Raum heute glanzvoll veraltet.

Latifa Echakhch verwendet das Oberlicht in der Funktion einer Leinwand und ihr Malmittel ist Tusche, ein traditionelles Schreib- und Zeichenmaterial, das erstmals im antiken China Verwendung fand. Der Titel der Arbeit ist Enluminure (2012). Er bezieht sich gleichermassen auf Licht und den Begriff der Aufklärung, als auch auf die Tradition der Buchmalerei, auch Illuminationen genannt. In völligem Kontrast zur Buchmalerei ist Latifa Echakhch‘ Malerei nur in Schwarz ausgeführt. Anstelle von figurativer Malerei oder abstrakten Ornamenten, hat die Künstlerin Tusche auf das Glas gespritzt und getropft, eine Methode, die an die abstrakt-expressionistischen Gemälde Jackson Pollocks denken lässt.

Eine weitere Arbeit von Latifa Echakhch, die in der Ausstellung zu sehen ist, ist chapeau d’encre (2012) und besteht aus sechs Hüten, die umgedreht und auf dem Boden verteilt sind, als ob sie jemandem vom Kopf geweht worden seien. Die Hüte sind mit einer schwarzen Masse gefüllt, die wie schwarze, flüssige Tusche aussieht. Tusche wird vor allem mit Schreiben in Verbindung gebracht, seien es persönliche Briefe oder romantische Poesie. Die Tinte-im-Hut legt eine Interpretation als Metapher für den menschlichen Geist nahe – auch „dunkle Gedanken“ kommen in den Sinn oder auch die Worte aus Paul Celans Gedicht Todesfuge (1948): „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends/wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts“. Die Flüssigkeit ist in Wahrheit nur eine dünne Schicht getrockneter Tinte auf einer soliden Basis aus erhärtetem Kunstharz. Die Arbeit, undurchdringbar und von bescheidener Grösse, steht im Zusammenspiel mit den schwarzen Tropfen, die das Oberlicht darüber verdunkeln.

Die Installation an der Wand trägt den Titel Morgenlied (2012) – der auch Titel der Ausstellung ist. Verwendet wurde ein modernes, vorgefertigtes Hängesystem für Gemälde, das den Bezug zur ursprünglichen Funktion der historischen Säle verstärkt, in denen noch die Metallstreben des Hängesystems aus dem 19. Jahrhundert an jeder der Wände sichtbar sind. Statt Bilder zu hängen, verwendet Echakhch die Drähte und Haken jedoch um eine flächige Komposition auf der Wand zu erstellen, die vielleicht Noten eines Liedes sein könnten. Durch die doppelte Absenz von Gemälden und hörbarer Musik verlässt sich Echakhch bei der Wirkung ihrer Arbeit auf die vielsagende Form des Notationssystems allein.

David Maljković wurde 1973 in Rijeka, Kroatien, geboren und lebt heute in Zagreb. Für seine Installation in der Kunsthalle Basel verwendet er ein reduziertes Vokabular moderner Ausstellungsstrukturen. Entlang der Seiten einer langen Wand auf der Längsachse des Raums mit horizontal eingezogenen Seitenwänden sind vier verschiedene Arbeiten installiert. Die Arbeit A Long Day for the Form (2012) besteht aus einem grossen Reflektorpanel, das von einem einzelnen Scheinwerfer beleuchtet wird. Das reflektierte Licht fällt gezielt in eine Ecke, aus der das Geräusch zirpender Grillen ertönt. Das monotone Geräusch der Grillen aktiviert und verlebendigt den Raum, weckt jedoch gleichzeitig Erinnerungen an lange, heisse, ermüdende Sommertage. Die Arbeit, die einige Meter weiter auf der gleichen Seite der Wand installiert ist, ist Teil der Installation Temporary Projections (2011), in der ein 16mm-Projektor ein leeres Rechteck aus Licht an die Wand wirft, das an bereits historisch anmutende Bilder des „Independent“ oder „Avantgarde“ Kinos erinnert. Ebenfalls als Temporary Projections (2011) betitelt ist der grosse schwarze Leuchtschirm – wichtiges Instrument in einem Fotostudio – der auf die Wand gerichtet ist. Dahinter versteckt befinden sich – wie in einer Kleinausgabe von Platons Höhle – zwei kleine Gemälde, eines in dunklem Blau, das andere monochrom grau, in die je zwei Zeichnungen von Pflanzen in die Oberfläche der Farbe geritzt sind. Eine der Pflanzen scheint auf etwas installiert zu sein, das wie das Stativ eines Scheinwerfers aussieht, das inmitten eines runden Lichtkegels steht, dem sich die Blätter der Pflanze entgegen richten, als ob sie nach unten statt nach oben wüchsen. Der letzte, vierte Teil der Installation ist Untitled (2012), eine grosse Pflanze, offensichtlich ein häusliches Requisit „tropischer Moderne“, eingezwängt in ein überdachtes Eck.

Die Installation verhandelt und verwandelt Formen der internationalen Moderne. In früheren Arbeiten behandelte er oft die verschwindenden und dem Vergessen anheimfallenden modernistischen Gebäude im ehemaligen Jugoslawien, wo bedeutende Bauten aus der kommunistischen Ära dem Verfall preisgegeben sind, trotz ihrer progressiven und visionären Architektur, die einst Verkörperung einer sozialen Utopie war.

Indem sie Leere ausstellt, die nur spärlich belebt wird durch einfache Requisiten und reduzierte Formen, ist Maljković‘ Installation in der Kunsthalle Basel offen für widersprüchliche Zeitlichkeiten: Auf der einen Seite könnte die Ausstellungsarchitektur der eigentlichen Kunstwerke entleert worden sein; auf der anderen Seite stellen der Projektor und die leeren Wände auch die Möglichkeit zu einer künftigen Ausstellung dar. Die Installation kann also sowohl für das Fehlen von Vergangenheit gelesen werden, als auch für Geschichten, die noch Form annehmen werden und Geschichten, die es nie gegeben haben wird – das Gefühl der Sehnsucht richtet sich in Malkjović‘ Arbeit in beide Richtungen der Zeitachse. Das widersprüchliche Verständnis von Zeit ist eines der zentralen Anliegen von Malković‘ Arbeit als Künstler. Ob der Fokus auf die gegenwärtige Lage der verlassenen Monumente in Ex-Jugoslawien gerichtet ist, oder ob er durch eine Art Meta-Installation die heutigen Ausstellungsbedingungen analysiert, Maljković hält die Trägheit fest, die an Orten erfahrbar wird, in denen Erinnerungen und Ideologien verstummt sind. Indem er diese Momente gefrorener Untätigkeit, die einst eine lebendige Geschichte ausmachten, lokalisiert, stellt er sie neu in Bezug zur Gegenwart als zielgerichtetem Ablauf von Ereignissen. Es bleibt den Besuchern überlassen, die Versprechen der heroischen Geschichte wahr werden zu lassen.

Die Ausstellung wird unterstützt von Fiorucci Art Trust und Dreyfus Söhne & Cie.

Latifa Echakhch (geboren 1974 in El Khansa, Marokko) lebt und arbeitet in Paris und Martigny. Echakhch studierte
an der École Nationale Supérieure d’Arts de Cergy-Paris, wo sie 1997 das Diplôme National d’Arts Plas-tiques (DNAP) erwarb. An der École Supérieure d’Art de Grenoble folgte 1999 das Diplôme National Supéri-eur d’Expression Plastique (DNSEP) und 2002 absolvierte sie das Post Diplôme an der École Nationale des
Beaux Arts de Lyon.

Einzelausstellungen (Auswahl): Latifa Echakhch, Columbus Museum of Art, Columbus, Ohio (2012), Museo
Universitario Arte Contemporáneo, MUAC, Mexico (2012), Portikus, Frankfurt am Main (2012), Latifa Echakhch, Kunsthaus, Zürich (2012); Von Schwelle zu Schwelle, Museum Haus Esters, Krefeld (2011), La Passion,
Effigies, Fondation Louis Moret, Martigny (2011), The Door, Sorry we’re closed, Brüssel (2011), Gaya, Darse,
Genf (2011); Le rappel des oiseaux, FRAC Champagne-Ardenne, Reims (2010), La Ronda, MACBA, Barcelona (2010), Still life, Frame still, FRI ART, Fribourg (2010); Les Sanglots longs, Kunsthalle Fridericianum,
Kassel (2009), movements and complications, Swiss Institute, New York (2009); Speaker’s Corner, Tate
Modern, London (2008). Gruppenausstellungen (Auswahl): The Spirit Level, Gladstone Gallery, New York
(2012), All our relations, 18th Biennale of Sydney, Sydney (2012), It is what it is. Or is it?, Contemporary
Arts Museum, Houston (2012); Volume!, MACBA, Barcelona (2011), You are not alone, Fundació Joan Miró,
Barcelona (2011), ILLUMInations, Venice Biennale, Venedig (2011), One Leading Away from Another, 303
Gallery, New York (2010), After Architects, Kunsthalle Basel, Basel (2010), Strange Comfort (Afforded by
the Profession)
, Kunsthalle Basel, Basel (2010), Island never found, Palazzo Ducale, Italien (2010), Leopards in the Temple, Sculpture Center, New York (2010), The Pursuit of Pleasure, Barriera, Turin (2009),
10 biennale d’art contemporain de Lyon, Lyon (2009), Invasion of Sound, Zacheta National Gallery of Art,
Warschau (2009), Shifting Identities – (Swiss) Art Today, CAC, Vilnius (2009); ArtFocus 2008, Jerusalem
Fundation, Jerusalem (2008), Manifesta 7, The Rest of Now, Bozen, Italien (2008), Flow, Studio Museum
Harlem, New York (2008).

David Maljković (geboren 1973 in Rijeka, Kroatien) lebt und arbeitet in Zagreb. Von 1996 bis 2000 studierte er Malerei
und Multimedia Alternative Studies an der Akademija likovnih umjetnosti u Zagrebu, Zagreb, und 2003/4
an der Rijksakademie van beeldende kunsten, Amsterdam. Zuletzt, 2011, erhielt er die Augarten Contemporary Residency, Wien.

Einzelausstellungen (Auswahl): Wiener Secession, Wien (2011), Recalling Frames, Metro Pictures, New
York, (2011); Mala Galerija, Museum of Modern Art, Ljubljana (2010); After Giuseppe Sambito, Fondazione
Morra Greco, Neapel (2009), Out of Projection, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid (2009);
Parallel Compositions, Bergen Kunsthall, Bergen (2008); Almost Here, Kunstverein in Hamburg, Hamburg
(2007), Scene for New Heritage Trilogy, Whitechapel Art Gallery, London (2007). Gruppenausstellungen
(Auswahl):
Scene, Hold, Ballast. David Maljković and Lucy Skaer, Sculpture Centre, New York (2012); Magical Consciousness, Arnolfini, Bristol (2011), El Grito, MUSAC Museo de Arte Contemporaneo de Castilla y
León, León, Spanien (2011), Rearview Mirror, The Power Plant, Toronto (2011), Abstract Possible, Museo
Tamayo, Mexico City (2011); Sao Paulo Art Biennial, Sao Paulo (2010), Rehabilitation, Wiels Center of Contemporary Art, Brüssel (2010), Les Promesses du Passé, Centre Pompidou, Paris (2010), Star City: The
Future Under Communism
, Nottingham Contemporary, Nottingham (2010); Modernologies, Museu D’Art
Contemporani De Barcelona, Barcelona (2009), What keeps mankind alive?, 11th Istanbul Biennial, Istanbul (2009), Contour, The 4th Video Biennial, Mechelen, Belgien (2009), The Symbolic Efficiency of the
Frame
, 4th Tirana International Contemporary Art Biennial, Tirana, Albanien (2009), Warsaw in Construction, Warsaw Museum of Modern Art, Warschau (2009); When Things Cast No Shadow, 5th Berlin Biennial,
Berlin (2008).