Danai Anesiadou

DAMNESIA VU. Zum Besten der Griechen

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Vernissage: Samstag, 24. September 2011, 19 Uhr

Unter dem Titel Damnesia Vu stellt die Kunsthalle Basel erstmals in einer Einzelausstellung in der Schweiz die medienübergreifende Arbeit der in Brüssel lebenden Künstlerin Danai Anesiadou vor. Seit ihrer Teilnahme an der 5. Berlin Biennale 2008 wurde sie im Bereich der Bildenden Kunst zunehmend als selbstständige Performancekünstlerin wahrgenommen und war darauf folgend an mehreren Gruppenausstellungen in Europa vertreten.

Die künstlerische Praxis Anesiadous ist stark von ihrer biographischen Erfahrung geprägt. Als Griechin in Deutschland geboren und in Belgien aufgewachsen, reflektiert sie die eigene Gegenwart als stete Verhandlung zwischen Vergangenheit und Zukunft, die nur in magisch anmutenden Momenten, in denen beide zusammenzutreffen scheinen, unmittelbar erfahrbar wird. Mit Damnesia Vu entwirft Anesiadou für die Kunsthalle Basel eine surreal anmutende Ausstellungsszenerie. Anlehnungen an ihren griechischen Hintergrund als auch an B-Movies und Filme der Nouvelle Vague treffen darin in einer Bildsprache aufeinander, in der sich Realität des Kinos und Fiktion des Alltags zu vermengen scheinen. Mit Damnesia Vu – das sich wie ein Wortspiel aus Anesiadous eigenem Nachnamen und den Worten Déjà Vu, Amnesie und Damnation liest – verweist die Künstlerin weit über die Krux mit der persönlichen Suche nach Identität und Liebe auf das verheißungsvolle, ironische Spiel des Lebens, das einen schliesslich doch im Unwissen darüber lässt, wer man wirklich ist.

Im Winter 1867 reichte der Architekt Johann Jakob Stehlin-Burckhardt seinen Wettbewerbsentwurf für eine Kunsthalle in Basel ein. Als Leitgedanken wählte er die Anfangszeilen von Goethes Gedicht Künstlers Morgenlied (1773): „Der Tempel ist euch aufgebaut / Ihr hohen Musen all“. In Bezug zu Stehlin-Burckhardts neoklassizistischem Projekt machte dieses Zitat deutlich, was aus der Kunsthalle werden sollte: ein permanentes Zuhause der Musen, was der in der Aufklärung wurzelnden Auffassung entsprach, das Museum als Tempel der Künste und die Künstler als göttliche Schöpfer zu betrachten.
Die ‚neo-dorischen Säulen’, welche von Anesiadou im tempelähnlichen Oberlichtsaal der Kunsthalle arrangiert sind, stellen jedoch nichts weiter dar als Requisiten aus Plastik. Im Gegensatz zu den Dekorationen, wie sie in vermeintlich typisch einheimischen Restaurants ausserhalb Griechenlands oft anzutreffen sind – als minderwertige Imitationen von Tavernen des Heimatlands, in welchen den Urlaubern das ,Griechenland-Feeling‘ und den Einheimischen der Nationalstolz ergreifen sollte – unterstreichen die offensichtlich unechten Säulen den Charakter des Kulissenhaften vielmehr, als sie ihn verstecken. Anesiadou, die – wie sie berichtet – als erwachsene Frau Schwierigkeiten hat, sich in dieser Kulisse wiederzufinden, inszeniert die Suche nach dem Selbst als stete Verhandlung zwischen dem Rückgriff auf Vergangenes und der Projektion des künftig Mögliches. Die Zeitlichkeit ist in ihrem Werk somit durch Perspektivenwechsel, Brüche und Überblendungen geprägt und weist als solche starke Ähnlichkeit auf mit jener des Avantgarde-Kinos.
Anesiadou inszeniert die Identitätssuche nicht als Konflikt zwischen unterschiedlichen Kulturen, sondern als fiktive Transkulturalität, als lustvolles Wandeln und Verlorensein im Dämmerlicht der vagen Vorahnung und des Aberglaubens. Analog zu Platons Höhlengleichnis, demzufolge die Dinge, die der Mensch als real wahrnimmt, in Wirklichkeit nur Schatten und Abbildungen des wahren Seienden sind, zeigt Anesiadou, welche Rolle das kulturelle Erbe bei der Konstruktion des eigenen Selbst spielt und wie dabei Subjektivität verfremdet und auf die Ebene eines fiktive Drebuchs übertragen wird.

Die Referenz zum Film zieht sich durch die gesamte Ausstellung hindurch. Im Hauptraum sind neun große Collagen installiert, die allesamt aus mehreren verschiedenen Filmpostern bestehen und ein hybrides ,Idol‘ – von anonymen Softpornostars bis zu Catherine Deneuve und Jeanne Moreau – zum Ausdruck bringen und die als pervertierte Nachbildungen der neun Musen interpretiert werden können, welche einst über Kunst und Wissenschaften walteten. Im selben Raum trifft der Besucher auf den Rohmer-Desk, eine Nachbildung des Arbeitstisches des Galeristen Gontrand aus Eric Rohmers Film 4 Aventures de Reinette et Mirabelle (1987). Der Tisch stammt aus der Szene, in welcher Reinette, eine junge, mittellose Malerin sich aufmacht, Gontrand ein Bild zu verkaufen. Der Überzeugung, dass Kunst keinerlei Vermittlung bedarf, da sie nicht nur für sich selbst spreche, sondern auch das Medium sei, das eine Beziehung zwischen dem Künstler und dem Betrachtenden herzustellen vermag, und zwar in stillem, gegenseitigem Einvernehmen, entschliesst sie sich, während des Verkaufsgespräch zu schweigen, welches zum Monolog des Galeristen wird, der – über die eigenen Ausführungen entflammt – ihr das Bild abkauft.
Wenn die Ausstellungszenerie als Reise durch eine leidvolle Vergangenheit gelesen werden kann – als eine Abfolge von Bildern und Erinnerungen, welche die Suche nach dem Selbst illustrieren – dann kann der Rohmer-Desk als Altar gesehen werden, auf dem das ,wahre Ich‘ der Künstlerin den Priestern der Kunstwelt geopfert wird. Anesiadous Kritik ist nicht einseitig und ausschliesslich an die gängige Ausstellungs- und Vermittlungspraxen in der Kunstwelt gerichtet; die Künstlerin ist durchaus auch bereit, sich selbst als deren Teil auf die Schippe zu nehmen.

Im zweiten Ausstellungsraum und in starkem Kontrast zu den anderen, dichter gehängten Räumen, ist lediglich ein vergrößertes Foto aus ihrem Familienarchiv zu sehen, welches den Moment Anesiadous Taufe durch einen orthodoxen Priester festhält, wobei sie zum Teil der symbolischen Weltordnung gemacht wird, ohne selbst dazu je die Wahl gehabt zu haben.

Der letzte Saal ist einer Filmszene aus Rainer Werner Fassbinders Film In einem Jahr mit dreizehn Monden (1978) nachempfunden. Darin erzählt Elvira – eine Transsexuelle, die früher Erwin hiess und aus Liebe zu einem heterosexuellen Mann ihre männlichen Merkmale abstreifen liess – in der Toilette einer Hotelbar die Geschichte ihrer kürzlichen Trennung, der traurigen Kindheit und des schmerzhaften Schritts zur Umwandlung. Der Ausstellungsraum – der wie die Toilette mit Spiegeln gekachelt ist – erscheint so als Abgrund der Psyche, in den alle Illusionen über das Leben runtergespült wurden und wo die schöpferische und transformative Kraft der Liebe in selbstzerstörerische Macht verwandelt zu sein scheint.
Fassbinders Film beginnt mit einem Vorspann, der besagt, dass jedes siebte Jahr ein Jahr des Mondes sei, in denen besonders Menschen, die hauptsächlich von ihren Gefühlen bestimmt seien, vermehrt unter sich selbst zu leiden hätten, was ebenso für Jahre mit dreizehn Neumonden gelte. Treffe ein Mondjahr gleichzeitig ein Jahr mit dreizehn Monden, so komme es zu unabwendbaren persönlichen Katastrophen.

„What is this place and where am I? I don’t remember my name“. Mit diesen Worten fängt Damnasia Vu an, eine Folge der amerikanischen computeranimierten Fernsehserie Xavier –Renegade Angel, die im ,Fassbinder-Raum‘ projiziert wird. Um Antwort auf seine Fragen zu finden, wird Xavier dazu verurteilt, sieben Augenscheine in die eigene Seele zu nehmen. In der für die Serie typisch psychedelischen, absurd-grotesken und diskontinuierlichen Erzählweise, begibt er sich auf sieben imaginäre Reisen in die Vergangenheit und durchschreitet dabei symbolisch immer eine Tür. Doch der Grund, warum Xavier das Erinnerungsvermögen verloren hat und welche unheilvolle Macht ihn dazu drängt, in die Abgründe der Seele zu steigen, bleibt unklar. In der Hoffnung, dem Rätsel auf die Schliche zu kommen, öffnet er alle sieben Türen gleichzeitig, worauf eine, aus dem Spielautomaten zu kommen scheinende Off-Stimme verkündet: „Congratulations. You may now begin to play the game of life.“

Der Untertitel der Ausstellung Zum Besten der Griechen ist eine Zeile, die auf dem Umschlag eines Ausstellungskatalogs zu lesen ist, welcher 1826 von der Basler Künstlergesellschaft herausgegeben wurde, einer Organisation, die sich 1864 mit dem Basler Kunstverein zusammenschloss, um die Kunsthalle Basel zu bauen. Ein Teil der Einkünfte aus den Verkäufen der ausgestellten Arbeiten wurde gespendet, um den Kampf der Griechen für ihre Unabhängigkeit von der osmanischen Herrschaft (1821-29) zu unterstützen.
Heute liest sich das Zitat wie ein Trinkspruch angesichts einer drohenden Katastrophe, bei der die gewohnte Umgebung aus den Fugen gerät, durchgeschüttet wird, und Figuren der Unterwelt und Fantasie plötzlich die Welt bevölkern und zu einem Chaos werden lassen: ein Ausstellungsszenario, das angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und politischen Krise, die nicht selten und vorschnell ausschliesslich Griechenland zugeschrieben wird, auch eine außerhalb des Werks liegende Relevanz erhält.

Die Ausstellung wurde grosszügig unterstützt von Herzog & de Meuron.

Danai Anesiadou (geboren 1973 in Pirmasens/D) lebt und arbeitet in Brüssel. Anesiadou studierte Bildende Kunst an der Königlichen Akademie für Bildende Künste Gent und absolvierte das Postgraduierten Programm für Theater- und Tanzwissenschaften an der DasArts Theaterschule in Amsterdam. 2010 nahm sie am Residency Programm am Banff Center in Banff (CA) teil und sowie 2011 am International Studio and Curatorial Program (I.S.C.P.) in New York.
Einzelausstellungen (Auswahl): Galerie Elisa Platteau, Brüssel (2011); Isomosis, Isofix, Isomopolis, Etablissement d’en Face Projects, Brüssel (2009), I Kiss Your Ectoplasm Like I Would a Shark, Kiosk, Gent (2009). Gruppenausstellungen (Auswahl): The Other Tradition, Wiels Contemporary Art Center, Brüssel (2011), Melancotopia, Witte de With Center for Contemporary Art, Rotterdam (2011); Curated by, Christine König Galerie, Wien (2010), Jahresgaben, Neuer Aachner Kunstverein, Aachen (2010), Morality. Let Us Compare Mythologies, Witte de With Center for Contemporary Art, Rotterdam (2010); Projections, Panorama-Festival, Athen (2009), Rooms Kappatos 2009, Athen (2009); x, y & m, Galerie Elisa Platteau, Brüssel (2008). Performances (Auswahl): Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, Lecture Performance mit Marco Bruzonne, Public School, Brüssel (2010), Paralipomena: Portrait of a Woman, Morality. Of Facts and Fables, Witte de With, Rotterdam (2010), Mandagloire, The Prompt, Kunstverein New York/Performa Festival NY, Bolzano (2010), Mandagloire, Banff Center, Banff/CA (2010); One Measures a Circle, Beginning Anywhere, Unscene, Wiels Contemporary Art Center, Brüssel (2009), Chuck Norris Doesn’t’ Sleep, He Waits, von Anesiadou, Bryssinck & Peeters, Beursschouwburg, Brüssel (2009); Feelings, There is No(w) Romanticism, Galerie Les Filles du Calvaire, Brüssel (2009); A Night of Psicomagia, 5. Berlin Biennale, Berlin (2008); Chuck Norris Doesn’t’ Sleep, He Waits, von Anesiadou, Bryssinck & Peeters, Something Raw Festival, Brakke Grond, Amsterdam (2008); Chuck Norris Doesn’t’ Sleep, He Waits, De Donderdagen, De Singel, Antwerpen (2007); Same Difference: Murder Mysteries, Emotion Pictures, MUHKA, Museum van Hedendaagse Kunst, Antwerpen (2005); Same Difference: Murder Mysteries, mit Alexandra Bachzetsis, Etablissement d’En Face Projects, Brüssel (2004).