Mark Leckey

UniAddDumThs

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Ausstellungstext (PDF)

Mark Leckey im Interview mit Dan Fox (PDF, in Englisch)

The Artist as Curator – Issue #8 mit dem Essay von Elena Filipovic zu UniAddDumThs (PDF)

 

Die Ausstellung UniAddDumThs ist eine neue Installation von Mark Leckey, welche auf mehrdeutige wie auch anregende Art eine vom Künstler kuratierte Ausstellung als auch ein von ihm autorisiertes Kunstwerk ist. Der Ursprung dieses über viele Jahre entstandenen Projekts liegt in einer Ausstellung, die der britische Künstler 2013 kuratierte. Sie basierte auf den Inhalten von Leckeys Computerfestplatte, auf der Digitalbilder von archaischen Exotika, Kunstwerken und visionären Maschinen gespeichert waren, die Leckey aus dem Internet zusammengetragen und in Ordner namens «Mensch», «Maschine» und «Tier» (sowie «Monster», dem Künstler zufolge eine Untergruppe von «Mensch») einsortiert hatte – seinem eigentümlichen und persönlichen Klassifikationssystem der Welt folgend. Jede digitale Datei entsprach dabei einem Gegenstand – einem wirklichen Ding –, der für die Ausstellung aufgespürt und erworben oder von Institutionen auf der ganzen Welt ausgeliehen wurde. Daraus resultierte die Ausstellung mit dem Titel The Universal Addressability of Dumb Things, für deren Dauer das Virtuelle real wurde und Objekte zeigte, die vom vollkommen Alltäglichen bis zum unglaublich Aussergewöhnlichen reichten. Zu sehen waren unter anderem: eine Alraunwurzel, die «wundersamerweise » menschliche Gestalt annimmt; eine mumifizierte Katze aus Ägypten; eine Vase in Form eines Uterus; eine silberne Reliquie aus dem 13. Jahrhundert in Form einer Hand; eine übergrosse Dose Katzenfutter der Marke Felix; i-limb ultra, die technisch avancierteste Handprothese auf dem Markt; und der riesige schaukelnde Phallus aus dem Film A Clockwork Orange. Diese und andere Dinge befanden sich Seite an Seite neben antiken, modernen und zeitgenössischen Kunstwerken unter anderem von William Blake, Louise Bourgeois, Jim Shaw und Ed Atkins. In dieser surrealistisch inspirierten Präsentation wurden – dem sehr speziellen Klassifikationssystem und der Logik des Künstlers folgend – Artefakte in unerwarteten Kombinationen nebeneinandergestellt.
In der Kunsthalle Basel präsentiert Leckey nun eine «Ersatz»-Version dieser Schau, die hauptsächlich aus Kopien besteht – von im 3D-Druckverfahren hergestellten Objekten über zweidimensionale Pappaufsteller bis zu fotografischen Reproduktionen und anderen Nachbildungen der ursprünglichen Objekte. Der Titel der Ausstellung UniAddDumThs ist eine gewissermassen wie ein Dateiname verkürzte Version des ursprünglichen Titels (so wie «mpeg» für «motion picture expert group» steht). Viele der Unikate, exklusiven Stücke und Originale von damals werden hier dupliziert: Die mumifizierte Katze erscheint als Version aus Baumwolle und Holz, die Silberreliquie aus dem 13. Jahrhundert als überlebensgrosser Pappaufsteller und die Skulptur von Louise Bourgeois als digital gescannter 3D-Ausdruck. Und sollte das Artefakt ursprünglich kein Einzelstück gewesen sein, wie etwa der in einem Geschäft erworbene Lautsprecher in Gestalt eines Hundes namens «Woofer», dann taucht es hier in seiner bereits massenproduzierten Form wieder auf. Mit UniAddDumThs versucht Leckey, in einer neuen Ausstellung von Dingen aus ontologischen Grenzbereichen, den einst «realen» geborgten Kunstwerken und Artefakten ihren Status als digitale Information zurückzugeben.
Leckeys Repliken, die hohl oder flach sind, eigentümlich strukturiert und oftmals wie die billigen Surrogate aussehen, die sie tatsächlich sind, sollen nach dem Willen des Künstlers merkwürdig unbelebt erscheinen, da sie zwischen verschiedenen Welten existieren und fast mehr zum Reich des Digitalen als zu dem des Realen gehören. Die Umwandlung von digitalen Dateien auf der Festplatte des Künstlers zu etwas Realem (in The Universal Addressability of Dumb Things) und von diesem «Realen» zum Simulakrum (in UniAddDumThs) folgt dabei einem Appell des ungarischen Künstlers Karoly Tamkó Sirató: Dieser hatte in seinem Dimensionistischen Manifest von 1936, das Leckey in seinem Vortrag «In the Long Tail» zitiert, gefordert, die Skulptur müsse «verdampft» werden, um «die feste Materie aufzuheben und durch gasförmige Stoffe zu ersetzen». In diesem Sinne ist selbst die Architektur von Leckeys neuer Ausstellung in der Kunsthalle Basel eine «verdampfte» Kopie. Während die frühere Ausstellungsarchitektur eigens hergestellte Holzkonstruktionen umfasste, die mit Leckeys «Hauptkategorien» (Mensch, Maschine, Tier) korrespondierten, sind es hier bedruckte, an Metallstangen aufgehängte PVC-Bahnen, über denen aufblasbare Leuchtkörper schweben – eine weichere, scheinbar luftigere und improvisierte Ausführung.
Als Ergebnis eines Prozesses des Sampelns, Sammelns, Appropriierens und «Aggregierens» (in Leckeys Worten), wie er für Leckeys Werk seit seinen Anfängen charakteristisch ist, offenbart UniAddDumThs viel von der Denkweise und der Praxis des Künstlers – seine anhaltende Faszination für Dinge ebenso wie für Technologie, das Internet und die schwer fassbare Beziehung zwischen dem Realen und dem Simulakrum. Es erstaunt nicht, dass Leckey für eine junge Generation von Künstlerinnen und Künstlern so einflussreich ist, die in seiner Arbeit eine wegbereitende Auseinandersetzung mit der Frage erkennen, wie unsere Identitäten, Erinnerungen und Wünsche durch die Produkte des heutigen technischen Fortschritts konstruiert werden. UniAddDumThs gibt nicht nur hierüber Auskunft, sondern auch über jede Form von Ordnungssystemen: wie sie vollständig vom kategorisierenden Individuum abhängen und wie sie das Universum auf unerwartete Weise strukturieren.
In Leckeys Version der Welt hier zeigt sich das Vermischen von «Hohem» und «Niedrigem», das für sein gesamtes Werk zentral ist. Exklusive Stücke des kulturellen Erbes und Ikonen der Popkultur, authentische Kunstwerke und massenproduzierte Markenartikel werden miteinander vermengt. Die Comicfigur Felix, dargestellt durch eine riesige aufblasbare Katze und eine Dose Katzenfutter der Marke Felix, trifft auf ein Gemälde des Renaissancemalers Piero di Cosimo in dessen Reproduktion auf PVC. Ein «Nike Transformer»-Schuh trifft auf die sehr alte, als Riese von Cerne Abbas bekannte nackte Figur, deren Silhouette auf der Wand des «Monster»-Raums reproduziert ist. Wenn The Universal Addressability of Dumb Things eine von Leckey kuratierte Ausstellung war, dann ist UniAddDumThs, ihre Kopie in der Kunsthalle Basel, so etwas wie ein von Leckey geschaffenes Gesamtkunstwerk, wenn auch ein «gasförmiges», das furchtlose Fragen darüber aufwirft, was in unserem vom Internet geprägten, postdigitalen Zeitalter des 21. Jahrhunderts Aura, Authentizität und Autorenschaft bedeuten könnten.

Mark Leckey wurde 1964 in Birkenhead (UK) geboren; er lebt und arbeitet in London.