Cisco Jiménez, Dr. Atl, Friederike Clever, Hildegard Spielhofer, Jimmie Durham, Maria Thereza Alves, Robert Smithson, Ross Birrell / David Harding

QUAUHNAHUAC

Die Gerade ist eine Utopie

2006_10_Quauhnahuac_001
2006_10_Quauhnahuac_002
2006_10_Quauhnahuac_003
2006_10_Quauhnahuac_004
2006_10_Quauhnahuac_005
2006_10_Quauhnahuac_006
2006_10_Quauhnahuac_007
2006_10_Quauhnahuac_008
2006_10_Quauhnahuac_009
2006_10_Quauhnahuac_011
2006_10_Quauhnahuac_012
2006_10_Quauhnahuac_013
2006_10_Quauhnahuac_014
2006_10_Quauhnahuac_015
2006_10_Quauhnahuac_016
2006_10_Quauhnahuac_017
2006_10_Quauhnahuac_018
2006_10_Quauhnahuac_019
2006_10_Quauhnahuac_020

Der Titel der Ausstellung ist entlehnt aus Malcolm Lowrys berühmten Roman Unter dem Vulkan, der 1947 veröffentlicht wurde und als eine der wichtigsten Analysen der Krise der Moderne im 20. Jahrhundert gilt. Die erzählerische Struktur des Buches ist zeitlich und örtlich am „Tag der Toten“, am 1. November 1939 – zwei Monate nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs – in der halbfiktiven Stadt Quauhnahuac verankert, für welche die mexikanische Stadt Cuernavaca Modell stand und in welcher Lowry 1936 gelebt hat. Während dieser Zeit war Mexiko aufgrund seiner linksgerichteten Politik ein beliebtes Reiseziel und Exilland für viele SchriftstellerInnen und politische AktivistInnen (u. a. Sergei Eisenstein, Antonin Artaud, Leo Trotzki und Luis Buñuel). Die gesellschaftliche Situation Mexikos war damals geprägt von einem fruchtbaren Klima eines lebendigen Kulturaustauschs und gleichzeitig herrschte eine relative Freiheit von politischer Aktivität. Der Hauptprotagonist des Buches ist Geoffrey Firmin, ein britischer Konsul in Quauhnahuac, dessen existentieller Kampf und ultimatives Scheitern in der Erzählung zu Metaphern für den Fortschritt und den gleichzeitigen Rückfall des modernen Menschen werden.

Die Ausstellung QUAUHNAHUAC – Die Gerade ist eine Utopie bringt Arbeiten von internationalen, zeitgenössischen KünstlerInnen zusammen, die teilweise Bezug nehmen auf die oben beschriebene historische Situation und sich selbst auf eine Reise – real oder fiktiv – nach Mexiko oder anderenorts begeben haben. Die Idee der Reise, sei es physisch oder mental, und die damit verbundenen Vorstellungen und die Verarbeitung von vorgefundenen Realitäten in bestimmten, abgelegenen Ländern, wird von den beteiligten KünstlerInnen untersucht, als Bedingung und Mittel, Kunst zu machen.
Maria Thereza Alves (1961) und Jimmie Durham (1940) präsentieren im ersten Raum eine neue Installation bestehend aus Fotografien, objets trouvés und Skulpturen, welche die aktuelle und vergangene Geschichte von Cuernavaca und den umliegenden Staat Morelos thematisiert. Durham und Alves haben einige Jahre in San Anton, einem Vorort von Cuernevaca, gelebt und sich aktiv für Umweltschutz und Menschenrechte der indianischen Bevölkerung eingesetzt. Die Installation ist ein persönliches Archiv, das von ihren eigenen Erfahrungen in Mexiko erzählt. In Cuernavaca haben Alves und Durham den mexikanischen Künstler Cisco Jiménez (1969) kennen gelernt und mit ihm zusammen verschiedene Projekte realisiert. In der Ausstellung ist Jiménez mit dem Werk *Holy death with pacifiers, 2000 vertreten, das eine auf einem Wandtuch gemalte Madonnendarstellung der „Santa Muerte“ („Unserer Heiligen Frau der Drogenopfer und Dealergangs“) zeigt.
Die Ausstellung schliesst auch Robert Smithsons (1938 – 1973) Partially Buried Woodshed (1970)mit ein, vier Fotografien und Filmmaterial der Arbeit, die den Einsturz eines Holzschuppens dokumentieren, welchen der Künstler in Kent, Ohio 1970 auf dem Universitätscampus vorgefunden hat und den er langsam mit Erde überschütten und begraben liess. Smithson hat seine Arbeiten oft auf Reisen und Exkursionen an einem spezifischen Ort entwickelt und so die Grenzen konventioneller Ausstellungssituationen reflektiert. Eine andere Reise hat Smithson 1969 nach Mexiko geführt, nach welcher sein Aufsatz Incidents of Mirror-Travel in the Yucatan (1969) entstanden ist. In diesem Text nimmt er Bezug auf John L. Stephens berühmten, gleichnamigen Bericht seiner Forschungsreise nach Mexiko 1841, der Beschreibungen von Architekturen und Monumenten der vergangenen indianischen Hochkultur enthält. In der Ausstellungen werden neben Smithsons Partially Buried Woodshed die beiden Bände der ersten englischen Ausgabe von Stephens’ Buch zu sehen sein, sowie die darin illustrierten Zeichnungen von Frederick Catherwood von Tempeln und Stelen.
Weitere kulturhistorische Bezüge zur Geschichte Mexikos werden mit dem Buch Como nace y crece un volcán: el Parícutin von Dr. Atl (Gerardo Murillo) (1875 – 1964) aufgenommen. Dieses enthält quasi-wissenschaftliche, aber dennoch mit künstlerischem Anspruch gemalte Zeichnungen und Gemälde von Dr. Atl, der während 1943-1950 den Ausbruches des Vulkanes Parícutin beobachtet hat.
Friederike Clever (1971) ist diesen Sommer nach Mexico gereist und hat Vulkane wie den Popocatépetl und Nevado de Toluca besucht, sowie Archäologen bei Ausgrabungen begleitet. Zurück in ihrem Atelier in Berlin, entwickelte Clever neue Arbeiten mit verschiedenen Abdruckverfahren sowie Zeichnungen, die in enger Beziehung zu den Orten stehen, die sie besucht hat. Grosse querformatige Blätter zeigen Abdrücke des Atelierbodens der Künstlerin, dessen Textur auf das Papier übertragen und weiter mit Farbe übermalt wurde: Sie erinnern an geologische Formationen, archäologische Fundorte oder an bestimmte Landschaftsausschnitte, wie beispielsweise an die *Barrancas, die Wasserläufe und engen Canyons, die zur typischen Geographie von Cuernavaca gehören.
Die schottischen Künstler Ross Birrell (1969) und David Harding (1938) haben sich ebenfalls auf eine Reise nach Mexiko begeben. Während dieser Zeit haben sie einen halb-dokumentarischen Film gedreht, indem unter anderem mehrere Zeitzeugen zu Wort kommen, die Malcom Lowry gekannt haben. Ergänzend haben die Künstler in Cuernavaca in der Tradition des muralismo ein Wandbild realisiert und dieses im Film dokumentiert. Dieses Wandbild wiederholen die Künstler in leicht veränderter Form im Ausstellungsraum. Auf den Spuren von Lowry haben die Künstler zudem eine hölzerne Konstruktion entwickelt, die sich auf die Holzhütte des Autors bezieht, in welcher dieser in British Columbia gelebt hat und die bei einem Brand zerstört wurde.
Die Basler Künstlerin Hildegard Spielhofer (1966) präsentiert Fotografien aus ihrer aktuellen Serie *Ultimo Viaggo, 2006 („Die letzte Reise“), die in den letzen sieben Jahren auf den Reisen der Künstlerin an die Küste Nordsardiniens entstanden sind. Die Künstlerin fand an einem bestimmten Strand das Wrack des Segelbootes Voile Liberté vor, welches sie unter verschiedenen Lichtbedingungen, nachts angestrahlt mit Taschenlampen, bei Mondlicht oder am Tag fotografiert hat. Die Künstlerin hat ebenfalls einen Teil des angespülten Schiffswracks in den Ausstellungsraum transportieren lassen, der neben den Fotografien gezeigt wird.

Zur Ausstellung wird eine umfangreiche Broschüre mit Bildern und Texten von Adam Szymczyk, Maria Thereza Alves, Jimmie Durham, Francis McKee und Valerie Bosshard erscheinen. Für die grosszügige Unterstützung der Ausstellung danken wir:

Fundación Almine y Bernard Ruiz-Picasso para el Arte

E. Gutzwiller & Cie Banquiers

Ausserdem in Basel:
DIESSEITS VOM JENSEITS – Ein zehntägiger Mexikanisch-Schweizerischer Totenreigen durch Basel, 27.10.-05.11.2006, www.diesseitsvomjenseits.ch.