Vincent Meessen / Thela Tendu

Patterns for (Re)cognition

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Vincent Meessen / Thela Tendu, Installationsansicht Patterns for (Re)cognition, Kunsthalle Basel, 2015. Fotos: Philipp Hänger

 

Ausstellungstext (PDF)

Patterns for (Re)cognition ist die bislang umfassendste Ausstellung – und die erste Ausstellung in der Schweiz – des belgischen Künstlers Vincent Meessen, der Belgien auf der kommenden Venedig Biennale vertreten wird. Meessens zumeist kollaboratives und recherchebasiertes Werk untersucht die Leerstellen der Geschichtsschreibung, vor allem des Kolonialismus. In der Kunsthalle Basel präsentiert Meessen mehrere neue modulare Skulpturen; eine Serie an gefundenen 16-mm-Filmfragmenten; eine neue Soundarbeit; rituelle Objekte vom Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Königreich der Kuba; sowie gefaltete Papierarbeiten. Diese Objekte dienen als visueller und konzeptueller Hintergrund für eine Auswahl von Gemälden aus den 1930er Jahren des kaum bekannten kongolesischen Malers Thela Tendu.

Meessen tritt als Künstler wie auch als Kurator der bislang größten Präsentation von Tendus abstrakten Arbeiten in Form einer Ausstellung in der Ausstellung auf. Tendus künstlerisches Werk umfasst geometrische Abstraktionen, Volksmärchenillustrationen und figurative Gemälde, die seine Tierkosmologie sowie das Zusammentreffen mit der kolonialen Moderne im alltäglichen Leben darstellen. Wegbereitend für die moderne Kunst im Kongo, ist sein Oeuvre ein bemerkenswertes Beispiel für die Entwicklung der Abstraktion in der afrikanischen Kunst parallel zu – jedoch ohne Kenntnis – ihrer Verbreitung in der westlichen Moderne. Die Arbeiten können hier nur gezeigt werden, weil ein wesentlicher Teil von Tendus Werk, der sich im Besitz des Kunstkritikers und Kolonialverwalters Gaston-Denys Périer befand, 1959 der Königlichen Bibliothek von Belgien gestiftet wurde, die seitdem für seine Erhaltung sorgt.

Raum 1
Die Ausstellung beginnt da, wo der Ausgangspunkt für Meessens Recherche lag: in der Beschäftigung mit Experimenten, die der französische Psychologe André Ombredane (1898 – 1958) in Belgisch-Kongo machte. Meessen stieß auf Filme aus den 1950er Jahren, die diese Experimente dokumentieren, darunter auch Tests des «geistigen Niveaus des schwarzen Volks». Ausgehend von diesen Filmen und den dadurch aufgeworfenen Fragen begann Meessen sich umfassender mit der Rolle der Abstraktion in der Entwicklung der Moderne sowie der Kolonialgeschichte zu befassen. Der Titel Patterns for (Re)cognition bezieht sich indirekt auf diese Tests, welche die geistige Fähigkeit messen, abstrakte Formen zu identifizieren und sich einzuprägen – ein Verweis, dass auch das Erkennen selbst (von wem, für wen und nach wessen Kriterien?) hinterfragt werden muss.
Zentral in der Ausstellung stehen modulare Strukturen, die Meessen gemeinsam mit dem Architekten Kris Kimpe entwickelt hat und auf die Filme mit Ombredanes Tests projiziert werden. Meessens Szenografie, die geometrische Formen aus den Filmen aufgreift und den Raum zu einer Art experimentellen Labyrinth komprimiert, verweist dar- auf, dass die Matrizen und Kuben aus Ombredanes kognitiver Psychologie nicht mehr länger als nur neutrale Formen verstanden werden können, und dass diese «Tests» nicht von der kulturellen Voreingenommenheit hinter der vermeintlichen Objektivität der Wissenschaft zu trennen sind. Die Wände werden von Tendus Gemälden gesäumt; bei einem dieser Gemälde ist die Rückseite sichtbar, sodass die Vermerke, Klebeschilder und andere Spuren seiner Geschichte zu erkennen sind.

Raum 2
Installationsansichten einer Paul Klee Ausstellung von 1967 in der Kunsthalle Basel wurden mit Hilfe der Buchbinderin Muriel Gerhart zu filigranen, abstrakten Papierskulpturen gefaltet und stellen Klee – und seinen unstrittigen Platz in der westlichen Kunstgeschichte – in Kontrapunkt zu Tendu. Während Klee bereits früh in seiner Karriere institutionell anerkannt wurde, konnte Tendu erst fast hundert Jahre später institutionelle Aufmerksamkeit erlangen – und das auch nur dank der Initiative eines anderen Künstlers. Die gefalteten Fotografien werden mit rituellen Objekten vom Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Königreich der Kuba kombiniert, jener Region südlich der Sahara, wo die Verwendung von Abstraktionen für Stoffe, Objekte und Wandbilder sehr weit entwickelt war und wo Tendu zu seiner Zeit als Maler lebte. Auf den frei hängenden Fotografien von Tendus Gemälderückseiten werden seine Präzision und Arbeitsweise ersichtlich. Diese hat Meessen mit einer akribisch gefalteten Struktur versehen, die die abstrakten Muster von Tendus Arbeiten mit dem Fischgrätenmuster des Parkettbodens der Kunst- halle Basel kombiniert.

Raum 3
Moi (Mich) Thela Tendu, Je (Ich) Tshyela Ntendu, Tshelatende, theladeo… : Beinahe vierzig Variationen des Künstlernamens tauchen auf den Gemälden auf, bisweilen diskret, bisweilen eher zentral, und werden dadurch selbst zu einem Motiv. Meessen interpretiert Tendus polygrafische Geste als proto-konzeptuelle Aussage, die das Klassifikationsregime der westlichen Kunstgeschichte und deren Verortung von Authentizität – und auch Modernität – in der Signatur des Künstlers unterläuft. Diese Interpretation von Tendus Praxis betont Meessen, indem sein in Zusammenarbeit mit dem Typografen Pierre Huyghebaert entstandenes Werk Museumsbeschriftungen imitiert. Ein Vorschlag von Meessen, dass die Ausstellung sich vielleicht nicht nur mit der Interpretation und dem Lesen (Erkennen/’recogni- tion’ und Verkennen/’misrecognition’) beschäftigt, sondern auch mit der Beziehung von Signatur und Autorenschaft.

Raum 4
Sampling the Man of Memory ist eine neue, in Zusammenarbeit mit der belgisch-ruandischen Soundkünstlerin Aurélie Nyirabikali Lierman entstandene Arbeit; neben gesammelten Klängen ist die Stimme des 85-jährigen, belgischen Historikers und Kuba-Experten Jan Vansina, der als «Vater der Oral History» gilt, zu hören. Die Arbeit wird auf vier NAGRA-Tonbandgeräten abgespielt (auf Polnisch, der Sprache ihres Erfinders, bedeutet Nagra: «ich werde aufnehmen»), wie sie wohl auch Vansina selbst bei seinen Forschungsreisen in den Kongo verwendet haben wird. Die Tonbänder bilden ein kreuzförmiges Muster im Raum und erzählen von Vansinas Treffen mit Tendu im Jahr 1953. Dieses mündliche Zeugnis stammt vom vielleicht letzten Lebenden, der bestätigen kann, dass Tendu mehr als zwanzig Jahre, nach- dem historische Dokumente ihn für tot erklärt hatten, noch lebte. Dadurch wird dem Leitmotiv der Ausstellung, der Hinterfragung der Geschichtsschreibung, eine weitere Ebene hinzugefügt.

Raum 5
Ihren Abschluss findet die Ausstellung in einer eindrucksvollen Gruppe von Tendus Gemälden, darunter zwei Arbeiten, die Abstraktion mit figurativen Elementen kombinieren und von der Vielfalt und dem Reichtum der formalen Kosmogonie des kongolesischen Künstlers zeugen. Meessens große Bodenarbeit ist von den architektonischen Geometrien der Kunsthalle inspiriert – dem Fischgrätparketts und dem Muster der Oberlichter. Die Arbeit reflektiert und rekonfiguriert den Blick im Raum und drängt die Betrachtenden, in engen Kontakt mit Tendus Arbeiten an den umliegenden Wänden zu treten.

Meessen inszeniert nicht nur eine Ausstellungsstruktur, sondern, in seinen eigenen Worten, ein «konstruktivistisches Szenario», das die Bedingungen für eine Lesbarkeit schafft – sowohl der kolonialen Wahrnehmungen als auch der fragwürdigen Autorität von Geschichte, wie sie schon allzu lange erzählt wird. Patterns for (Re)cognition handelt von den blinden Flecken dieser Geschichte, insbesondere von jenem, durch den Tendus wegbereitendes Werk, trotz des Aufsehens, das es Anfang der 1930er Jahre in Brüssel, Genf, Paris und Rom erregte, weitgehend unbekannt bleiben konnte (viele Arbeiten in der Ausstellung sind seitdem – oder bis heute überhaupt – nicht gezeigt worden). Doch darüber hinaus reflektiert die Ausstellung auch Meessens Praxis und Werk, die bewusst Formen der Zusammenarbeit, der Recherche und quasi-kuratorische Arbeit beinhaltet. Seine Interpretation der Geschichte entspringt seinem (belgischen) kulturellen Hintergrund und Verständnis für die Verantwortung und das Vermächtnis der kolonialen Vergangenheit Belgiens – die letztlich auch unsere globale Geschichte ist.

Vincent Meessen wurde 1971 in Baltimore geboren; er lebt und arbeitet in Brüssel.

Thela Tendu, alias Djilatendo, alias …, wurde circa 1890 geboren und starb circa 1960 in Luluabourg, Belgisch-Kongo.